06
Dezember
2012

Yammi!

Kaum durch die Tür getreten erfassen uns auch sogleich die Ausläufer des Stimmensturms vor uns. Einzelne Wortfetzen sind nur schwer zu fassen. Wolken aus Klatsch und Tratsch, Erzählungen und Gelächter lassen Tropfen aus Worten auf uns niederprasseln, die in Rinnen aus Sätzen an uns heruntergleiten. Hinter uns erklingt das Glockeninferno erneut, als die Tür sich in ihren Rahmen schmiegd, der sie schon freudig erwartet hat. Wie ein altes, verliebtes Ehepaar stehen sie da. Allen Widrigkeiten des Lebens trotzend. Immer freundlich, lächelnd und geduldig auf die Gäste wartend. Ein eingespieltes Team, das weiß, wie man sich über Jahre so gut hält. Schanieröl ist der Kitt in Ihrer Beziehung.

„Dann suchen wir uns mal ein gemütliches Plätzchen.“ Höre ich ein Flüstern durch den Sturm an mein Ohr heranschleichen.

Valerie und ich laufen durch den Irrgarten aus besetzten Stühlen, faul auf dem Boden liegenden Hunden und herumalbernden Kindern. Zwischen den Reihen sausen Kellner und Bedingungen – Servicekräfte, wie man sie heutzutage nennt -hin und her. Immer sicheren Trittes, Getränke und Essen balancierend.

Zielsicher, wie von einem Traktorstrahl gezogen, steuern Valerie und ich auf den nächsten freien Tisch zu. Wir nehmen Platz und werfen beide einen Blick in die Karte, auch wenn wir eigentlich schon wissen, was wir bestellen möchten. Es gehört aber zu den Ritualen, welche man immer wieder auf der ganzen Welt beobachten kann.

Mein Blick gleitet in den Raum. Von Stuhl zu Stuhl. Von Tisch zu Tisch.

Hmm… ganz schön viel los heute. Kaum noch freie Tische. Hat sich wohl langsam herumgesprochen, dass es Brunchen hier sehr gut ist. Manchmal frage ich mich welche Geschichte all die Menschen erlebt haben…

Für einen kurzen Moment bleibt mein Blick hängen, als ob irgendetwas meinen Kopf festhalten würde und meine Augäpfel mit Tesa befestigt hätte.

Eine Flut aus Gedanken und Bildern von gestern Abend überkommen mich.
Das kann nicht sein… wäre ja übelster Zufall. Da sitzt sie, das Mädel von gestern Abend. Ich sollte mal Valerie Fragen, wer das ist.

Ich fasse mich wieder und falle zurück in das Jetzt und Hier. Wende mich meiner Begleitung zu.

„Hey Valerie. Kennst du die da drüben?“ Ich zeige mit meiner linken Hand in die Richtung der Person meines kurzweiligen Erstaunens. Aus der schnellen Bewegung heraus knallt mein Arm in eine Bedienung. Die nächsten Sekunden kommen mir vor wie Minuten.

Durch den Stoß mit meinem Arm kommt die Kellnerin ins Straucheln. Zu allem Unglück hat sie noch ein voll beladenes Tablett fest mit beiden Händen umklammert. Darauf drängt sich eine Horde von Tassen, Tellern und Gläsern. Ängstlich schauen sie über den Rand und geraten ins Wanken. Mit klappernden Zähnen treten sie von einem Bein auf das Andere. Ihre Reisebegleiterin versucht sie durch wellende Bewegungen zu beruhigen. Doch Nichts hilft. Mit tosendem Geschrei, wie Passagiere auf einem untergehenden Schiff, stürzen sie in die Tiefe. Wassermelonengleich schlagen sie auf dem Boden auf. Ein Meer aus Scherben verteilt sich auf dem Boden.

Mit großen Augen, offenem Mund, in Schockstarre verfallen, schaut die Kellnerin auf das Ergebnis dieses kleinen Remplers.

„Oh verdammen. Können Sie nicht aufpassen?!“

Mit charmantem Lächeln und entschuldigen Dackelblick antworte ich: „Entschuldigen Sie. Es tut mir aufrichtig leid. Hab` Sie einfach nicht kommen sehen.“

Man sieht ihr förmlich an, wie Ihr Ärger aus den Gesichtszügen weicht. Lächelnd antwortet sie: „Ist schon ok, passiert eben im Eifer des Gefecht`s .“

Erleichtert atme ich aus. Mir war nicht aufgefallen, dass ich bis jetzt alle Luftmoleküle in mir behalten hatte. Ein tiefer Zug Luft strömt sogleich wieder in meine Lungen.

„Kann man Ihnen irgendwie behilflich sein?“

„Nein, ist schon in Ordnung. Mit der Sauerei komme ich schon zurecht.“

Neben mir hör ich ein leises Kichern. Nur im Augenwinkel hatte ich mitbekommen, wie sich Valeries Gesicht von Überraschung, über Entsetzen, hin zu eurer Schadenfreude verzerrt hatte.

„Typisch…“

„Was denn?!“ Entgegne ich entnervt.

¨War ja wieder klar, dass du Unfug treiben musst!¨

¨Ach komm, ist doch halb so wild.¨

„Ich glaube, deine Opfer denken da etwas anders drüber..¨ Ihr Blick wandert zu den Scherben auf dem Boden.

Na gut, sie hat ja Recht. Irgendwie schon schade um das ganze Geschirr. Aber so ist das Leben eben.

Ein verschmitztes Lächeln ist für einen flüchtigen Moment auf meinem Gesicht zu sehen.

¨Natürlich, du findest das mal wieder amüsant.¨

¨Klar. Gibt nichts Besseres, als ein bisschen Adrenalin im Blut.¨

In der Zwischenzeit hat die Servicekraft eine ganzes Bataillon von willigen Putzsoldaten aus dem Sanitätskorp an die Scherben-Front beordert. Mit großer Geschicklichkeit werden die Leichen vom Feld gefegt. Rießige Pfützen werden aufgesaugt. Nach wenigen Minuten ist der Unglücksort gesäubert und es sieht aus als wäre nichts Geschehen wäre. In einem Sack verschwinden die Opfer hinter einer Tür und werden wahrscheinlich in die Mülltonne gesteckt, wo sie auf Ihre Reise ins Jenseits warten werden. Wenige Minuten später kehrt die Bedienung frisch zurechtgemacht und in frischer Arbeitskleidung an unseren Tisch zurück, um die Bestellung entgegenzunehmen.

¨Guten Tag, haben Sie sich schon entschieden?¨

¨Ich wollte mich nochmals entschuldigen für das kleine Missgeschick von gerade.¨

¨Ist doch kein Problem, passiert eben.¨

¨Ok, dann mal zum gemütlichen Teil. Valerie?¨

¨Ja?¨

¨Ladys first.¨

¨Ok. Ich nehme ein französisches Frühstück und dazu einen großen Milchkaffee.

¨Ein französisches Frühstück und einen großen Milchkaffee. Der Herr?¨

¨Moccacino und einen kleinen Frühstücksteller.¨

¨Einen Moccacino und einen kleinen Frühstücksteller. Darf es sonst noch etwas sein?¨

¨Fast hätte ich es vergessen. Ein kleines Mineralwasser. Danke.¨

Kaffee und Mineralwasser muss einfach sein… So kommt der Kaffeegeschmack besser raus und stört nicht beim essen…

Die Servicekraft macht ihre letzten Notizen und wendet sich uns kurz wieder zu.

¨Vielen dank.¨

Schon erstaunlich, in diesen modernen Zeiten noch mit Stift und Papier zu arbeiten, sieht man doch sehr selten. Das KaPla ist wohl doch noch sehr traditionsbewusst oder der Besitzer sehr antiquitiert.

¨Heute nicht so viel Hunger? Sonst langst du doch morgends auch immer zu.¨

¨Ach Valerie, wir waren wohl schon länger nicht mehr zusammen Frühstücken, ich esse schon lange nicht mehr so viel wie früher.¨

¨Wie kommt`s ?¨

¨Hatte es wohl noch nicht gemerkt. 10kg die letzten 5 Monate.¨

¨Nein, sieht man noch nix.¨ Verschmitzt lächeld sie mich an.

Da erwischt sie mich an meiner Wunden Stelle. Verdammt, manchmal sollte ich nicht so stolz sein…

„Aber sag mal, wie kam’s, dass du die Kellnerin Belästigt hast?“

Wieder dieses verschmitzte Lächeln…

„Eigentlich wollte ich nur wissen, wer das Mädel am anderen Tisch ist.“

„Wen meinst du?“

„Da drübern.“

Vorsichtig schaue ich mich um. Dieses mal ist keine Gefahr in Verzug. Also strecke ich meinen Arm wieder aus und zeige auf 10 Uhr vor mir.

„Achso, du meinst …“

Mitten im Satz bringt die Kellnerin unsere noch vor Dampf wabernden Getränke.

„So, da hätten wir einmal den großen Milchkaffee für die Dame.“

Die Servicekraft nimmt die durch die Milch bräunlich wirkende Flüßigkeit in einer breiten und hohen Tasse von Ihrem Tablett und stellt es zu Valerie.

„Und dann noch einen Moccacino für den Herren.“

Wieder wandert ihre Hand geschmeidig zu einem hohen Glas und stellt mir das edle Getränke auf den Tisch.

„Plus ein Wasser. Ihr Frühstück dürfte auch in Kürze so weit sein.“

„Ach, dass hatte ich doch glatt vergessen. Wir würden gerne Ihr Brunch-Angebot in Anspruch nehmen, geht das denn noch?“

„Natürlich. Für beide?“

„Ja, gerne.“ Valerie hatte es wohl auch total vergessen nach dem kleinen Unfall.

„Dann serviere ich Ihnen gleich das Frühstück, alles weitere bekommen Sie dann am Büffet.“

Die Servicekraft gleite elegant zum nächsten Tisch und nimmt dort die nächste Bestellung entgegen.

„Fast hätten wir das ja vergessen. Dann ist wohl dein Plan, weniger zu essen für heute wohl passé?“

„Man muss auch einmal Ausnahmen machen, sonst macht es keinen Spaß.“

„Sag mal, was hattest du dir von gestern eigentlich erwartet? War ja schon ein wenig heftig, deine Party.“

„Sicherlich nicht, dass meine Nachbarn es überschwänglich begrüßen werden, wenn es dermaßen ausartet. Damit habe ich aber in keinster Weise geplant. Mehr als entschuldigen kann ich mich leider nicht.“

„Ist schon ok, man muss auch einmal feiern können. Das nächste Mal nur etwas leiser und nicht ganz so lange.“

„Versprochen. So nun aber zu meiner Frage.“

„Eigentlich müssteste du Sie ja kennen.“

„Ernsthaft?“

„Klar.“

„Ok. Bevor ich mich nun in Rätselraten übe und daran verzweifle – ich bin nicht gut in so etwas – verrate mir doch einfach den Namen.“

„Ich will dich ja nicht foltern. Also…“

„Das Frühstück.“

Die Servicekraft hat zwei Teller mit einem köstlichen, kleinen Frühstück auf den Armen und stellt diese behutsam auf unseren Tisch.

„Wohl bekomm’s.“

Das lassen sich Valerie und ich nicht zwei mal sagen. Wir schnappen uns die Messer, die die Bedienung kurz nach den Tellern überreicht und machen uns über das Essen her.