09
August
2011

Müll entsorgen

Das Wasser versiegt langsam. Ich hänge den Duschkopf wieder an seinen Platz.

Jetzt nur noch abtrocknen.

Beim Verlassen des Bads blickt mich die leichte Dame stoisch an. Erschöpft lehnt sie an der Wand und wartet sehnsüchtig darauf endlich Feierabend machen zu dürfen. Diesen Wunsch kann ich natürlich nicht ablehnen. Zumal sie mittlerweile mehr als genug für mich getan hat. Selbst die Spiegelsplitter hat sie gut aufgenommen. Damit ich nicht all zu zerstört nach draußen gehe, beschließe ich, mich kurz noch umzuziehen.

Die Kleider von gestern sehen eh aus, wie … ähm Kleider von gestern mit dem Gestank einer viel zu heftigen Party. Vergleichbar mit Augenringen, die die ganze Schönheit eines Gesichts versauen. Außerdem sollen meine Nachbarn keinen schlechten Eindruck bekommen, wer weis schon, wen man im Hof so alles trifft.

Im Schrank finde ich ein Shirt, eine Jeans und ein Paar Socken. Ein Wunder, dass ich überhaupt etwas gefunden habe, denn der Inhalt glich eher dem einer Wühltheke nach dem Sommerschlussverkauf. Die Kollektion von vor 10 Jahren und davon auch schon fast nichts mehr da.

Wäsche waschen ist auch mal wieder angesagt… Einkaufen vielleicht auch. Notiere: Wäsche machen. Konto prüfen. Eventuell einkaufen gehen.

Mit neuen und vor allem sauberen, gut riechenden Kleidern wage ich mich dann auch aus meiner Tür. Mit der leichten Dame im Arm trete ich ins Treppenhaus. Vier Stockwerke muss ich nach unten. Auf der Hälfte der Strecke klirrt es auf einmal kurz hinter mir. Der Ton bewegt sich langsam Stufe für Stufe an mir vorbei, bis er schließlich kurz vor mir zum erliegen kommt. Neugierig schaue ich nach unten und stelle fest, dass mein Haustürschlüssel sich mit einem Sprung in die Freiheit verabschieden wollte. Genervt bücke ich mich nach ihm.

Ein Wunder, dass sich der Kleine keine Rippen gebrochen hat. Wer hat auch schon einen solchen Freiheitsdrang, dass er sich selbst nahe dem Suizid befindend aus einer solchen Höhe stürzt. Schlecht behandelt habe ich ihn nie. Klar er muss ständig in meiner dunklen Tasche bleiben und wird nur selten ans Licht gelassen. Und dann muss er auch noch immer herhalten und wird in ein dunkles Loch gesteckt. Aber egal, dass ist eben sein Los.

Eine bekannte Frauenstimme reißt mich aus den Gedanken und von den Füßen.

„Klar doch Marie, wenn ich’s dir doch… Verdammt… Oh… ähm… Sorry.“

Die Position in der ich gelandet bin sieht mehr als komisch aus. Im Doggy-Style liege ich auf der leichten Dame. Sie ächzt und windet sich. Mit jeder Bewegung meinerseits wird Ihre Lage nur noch schlimmer. Bis meine Arme endlich den Boden berühren und ich mich abstützen kann.  Vom ersten Schock befreit, schaffe ich es irgendwie vom Müllsack zu rutschen und auf meinem Hintern zu landen. So sitze ich da und schaue verstört meine sexy Nachbarin an.

Verdutzt und leicht gerötet steht sie auf dem vorletzten Treppenabsatz und schaut mich unschuldig an.

„Valerie. War ja irgendwie klar.“

„Sorry, hab dich nicht gesehen.“

„Wie auch, mit deinem Handy am Ohr. Und ins Gespräch vertieft. Den Kaffeeklatsch des Tages loswerden oder?“

„Hey, jetzt aber mal halblang.“

Aus dem Handy säuselt eine weibliche Stimme: „Süße, alles klar bei dir?“

Valerie nimmt provokant ihr Handy ans Ohr und antwortet: „Klar doch. Nur so ein Depp, der nicht weis wie man eine Treppe benutzt und mir jetzt die Schuld gibt. Aber hey, ich ruf dich in fünf Minuten nochmal an.“ Sie drückt den Auflege-Knopf und widmet sich wieder mir.

„So, nun aber mal zu dir. Gestern Nacht habe ich mir etwas anders vorgestellt.“

„Wieso? War doch bekannt, dass ich eine Party schmeiße.“

„War da auch eingeplant, dass irgendwer in meine Blumen pisst und danach meinen Vorleger vollkotzt?“

„Was? Nicht dein Ernst oder?“

„Und wie das mein Ernst ist!“

Oh Gott. Valerie wütend… Schlimmer als ein kleiner Hobbit der nach Auenland zurückkehrt und nur Sklaverei und Zerstörung vorfindet.

„Ähm… Sorry. Ich komm gleich vorbei und mach alles weg.“

„Brauchst nicht. Denkst du ich lass das Zeug einfach paar Stunden in der Sonne vor sich hinköcheln?“

„Ok, ok. Sorry. Kann mich nur entschuldigen… Obwohl… Wie wär’s mit einem Frühstück auf meine Kosten?“

Die finstere Miene in Valeries Gesicht löst sich langsam auf. „Hmm… Ist zwar schon etwas spät dafür, aber Brunchen geht sicherlich immer.“ Ein kleines verschmitztes Lachen zeichnet sich auf Ihren Lippen ab.

„Klar doch. Gib mir 30 Minuten und wir treffen uns dann unten.“

„Gut. Dann bis gleich, wollte eben nur kurz Zigaretten holen.“

Erleichtert lasse ich Valerie an mir vorbeigehen und schnappe mir den Müllsack. Die leichte Dame sieht zwar schon etwas zermanscht aus, zum Glück hat sie aber alles drinnen behalten. Kaum vorzustellen, was für ein Aufriss das geworden wäre.

Mit der leichten Dame über meine Schulter gelegt schlendere ich zum Müllcontainer und geb sie Ihrem Schicksal hin.

Tja. Müll durch Frühstück… ähm Brunch ersetzt. Kein schlechter Deal.