21
Oktober
2011

Frühst… ähm brunchen

Erleichtert schlendere ich den Weg zum Treppenhaus zurück und steige die Treppen hoch. Der Pflanze vor Valeries Wohnung schenke ich nur einen kleinen, mitleidigen Blick. Genüsslich packe ich den Selbstmord gefährdeten Schlüßel aus der Tasche und stecke ihn ins Schloss. Normalerweise schließe ich immer ordentlich ab, aber bei so kurzen Wegen muss ich nur einmal nach rechts drehen und die Tür in mein Reich öffnet sich. Kaum bin ich durch die klaffende Öffnung geschritten fällt mir auch schon ein Notizzettel auf dem halbwegs sauberen Boden auf.

Komisch, dass der mir vorher nicht aufgefallen ist.

Genervt bücke ich mich nach ihm. Zu spät bemerke ich den Glassplitter auf der Klebefläche und schneide mir prompt in den Finger.

„Fuck!“ Fuck

Blut läuft langsam meinen Finger hinunter und tropft leise zu Boden. Unbewusst stecke ich mir den Finger in den Mund und sauge das Blut in mich hinein. Der Geschmack nach Eisen durchflutet meine Sinne. Ich wage einen kurzen Blick und muss feststellen, dass der Blutschwall noch kein Ende findet.

Warum?! Wie ich es hasse…

Den Eisengeschmack und den Finger immer noch im Mund bücke ich mich erneut nach dem Zettel, der während meiner hektischen Bewegung auf den Boden geglitten ist und nur knapp einem Bluttropfen ausweichen konnte. Vorsichtig lege ich meinen Finger an dem Glassplitter vorbei ums Papier und hebe ihn auf. Auf der Vorderseite entdecke ich eine kleine Notiz.

Vergiss bloß nicht morgen! Freu mich.

Und was soll mir diese Nachricht nun sagen? Oh man… Wer kommt auch auf die Idee keinen Namen dazu zu packen.

Den Glassplitter, der vermutlich vom Spiegel stammt, entferne ich vorsichtigerweise von der Klebefläche und befördere ihn in den Mülleimer. Den Zettel verstaue ich vorerst in meiner Hosentasche. Immer noch mit dem blutenden Finger im Mund gehe ich aus der Küche über den Flur in mein Zimmer. Die Arbeiten am Projekt „Zufrieden und sauber wohnen“ hat leider nicht 100% gefruchtet. Dennoch bin ich halbwegs zufrieden und kann mich erleichtert meinem Schrank zuwenden. Zunächst prüfe ich aber meinen immer noch schmerzenden Finger. Erleichtert stelle ich fest, dass er endlich aufgehört hat zu bluten. Also weiter mit meinem Schrank.

Hmm… Was zieh ich denn jetzt eigentlich an? … grml… wie ich mich hasse, dass ich nicht einfach irgendwas aus dem Schrank ziehen kann… Manchmal frag ich mich ernsthaft, ob an mir eine Frau verloren gegangen ist. Nicht nur, dass ich bei der Kleiderauswahl etwas länger brauche. Nein, im Bad geht auch oft genug Zeit flöten… hmm… Eventuell einfach eine gute Jeans, das geht immer. Fangen wir aber doch bei den einfachen Sachen an. Socken. Check. Boxershort. Check. Jeans. Check. … Und das war’s dann mit den einfachen Dingen im Leben.

Geschlagene 10 Minuten verbringe ich damit, mir einen Gedanken nach dem anderen innerlich über zu ziehen. Am Ende stehe ich vor einem Berg T-Shirts, Hemden und Pullovern. Unzufrieden mache ich dann, was ich immer mache. Ich gehe erst einmal eine rauchen.

Auf dem Balkon erschlägt mich zuerst die frische Luft und danach jeder einzelne Strahl den die Sonne auf die Erde schickt. Als würde sich eine Myriade von Nadeln in meine Augen bohren. Blinzelnd hole ich eine Zigarette aus der Schachtel und suche mein Feuerzeug. Linke Tasche. Rechte Tasche. Potaschen. Nichts. Verzweifelt schaue ich in mein Zimmer. Nichts.

Ach verdammt… Wo versteckst du dich ?

Enttäuscht muss ich feststellen, dass ich mein Feuerzeug mal wieder verlegt habe. Was macht man nur in einer solchen Situation? Genau… anstatt noch weiter nach dem Feuerzeug zu suchen, lässt man sich eine Notlösung einfallen. Also ab in die Küche. Herdplatte an und warten. Nach wenigen Minuten der erste Versuch. Die Zigarette wird angesetzt und der Kopf bewegt sich in Richtung der Herdplatte. Kein Glimmen. Also weiter warten. Einen Augenblick der zweite versuch. Und man riecht schon, dass etwas ein bisschen verkohlt. Ein paar Züge später der erleichternde Genuss von verbranntem Tabak in meiner Mundhöhle.

Tja… gelernt ist gelernt…

Herdplatte aus und ab auf den Balkon. Wieder treffen mich die Nadeln in meinen Augapfel. Dieses mal bin ich aber vorbereitet. Mit zugekniffenen Augen stehe ich da und genieße jeden Zug. Nach wenigen Sekunden kann ich langsam den Spalt, den meine Augenlider gebildet haben, vergrößern. Bis ich Schluss endlich mit der vollen Sehkraft meiner Augen die Umgebung mustere.

Schon erstaunlich, dass der Rasen immer gepflegt ist. Kein Hund drauf geschissen hat. Und Kein Igel es gewagt hat die Grasfläche durch einen braunen Hügel zu verunstalten. Lediglich der Kirschbaum wirkt etwas traurig. Ob er wohl traurig ist, dass seine Blütezeit schon vorbei ist ?

Leise landet eine Amsel auf dem Kirschbaum und erfreut sich der wärmenden Strahlen, die ihr die Sonne spendet. Sie spreizt ihre Flügelchen von sich und putzt sie elegant mit ihrem Schnabel. Ungestört vollzieht sie dies mit jeder einzelnen Feder. Danach kratzt sie sich mit ihrem linken Beinchen am Kopf und fliegt im nächsten Moment schon wieder weiter.

Ich betrachte meine Zigarette, die sich bereits Gefährlich dem Filter nähert. In den letzten Zügen des Lebens einer Zigarette fragt man sich, ob sie es bereut hat.

Denkt sich eine Zigarette etwas dabei, wenn sie ihren letzten Lebenshauch an meine Lunge abgibt?

Mit diesem seltsamen Gedanken verabschiede ich mich vom Idyll Balkonien. Entspannt schreite ich der Besteigung meiner Eiger-Kleiderwand entgegen. Nachdem ich auf 39,7 cm Höhe angelangt war, entschied ich mich aus dem Stapel eines meiner Lieblings-Shirts heraus zu ziehen. Schlicht. Schwarz. Mit einem etwas größeren Ausschnitt und 3/4 Armen.

Jepp. Das geht. Jetzt noch rasieren, duschen, anziehen und Haare machen. Und verdammt, ich sollte mich beeilen. 18 Minuten sind fast zu wenig.