22
Januar
2012

Fertig machen und dann frühst…ähm brunchen

Auf dem Weg in die Dusche fällt mir ein, dass ich noch den Zettel in meiner Hosentasche habe.  Die nicht unterzeichnete Nachricht hätte ich schon fast vergessen. Mit meiner linken Hand ziehe ich ihn aus seinem dunklen Gefängnis. Neidisch lugt der Schlüssel dabei aus meiner rechten Hosentasche und man sieht ihm förmlich an wie sehr er sich ärgert, so missachtet zu werden. Kurzerhand klebe ich den Zettel an meine Türe in die Freiheit, damit ich ihn später nicht vergessen kann. Etwas erleichtert schaut mich der Schlüssel an, als ich ihn ans Tageslicht befördere. Freudiger Erwartung, dass er nun endlich abhängen darf, gleitet er leicht ins Schloss. Mit einem Handtuch bewaffnet stolziere ich in mein kleines Kabuff, was sich Bad schimpft. Dort angekommen blicke ich leidvoll an die kahle Stell, wo zuvor der Spiegel die nackte Wand bedeckt hatte. Ich wende mich dem Hahn zu und drehe das heiße Wasser auf. Das Handtuch lasse ich am Haken baumeln und entledige mich meiner Kleider. Als ich mich der Waschanlage für Humanoide zuwende höre ich einen stumpfen Ton aus Richtung des kleinen Kleiderhügels an mein Ohr dringen.

Wer ruft denn jetzt schon wieder an… Ich hab doch keine Zeit.

Ich wühle meine Hose aus dem Haufen. Der Klingelton wird immer lauter. Ich greife in die linke Hosentasche und ziehe mein Handy heraus. Die Blüte aus Geräuschen entfaltet nun seine volle Pracht. Meine Ungehaltenheit weicht einer wohligen Vorfreude als ich auf dem Display sehe, wer da anruft.

„Hi Jule.  Na? Was gibt’s zu so früher Stunde?“

„Hi. Hast du die Notiz schon gesehen? Und was heißt hier eigentlich früh?“

„Ähm ja, egal. Den Zettel hab ich gesehen? Ist der von dir?“

„Klar.“

„Wär schon schön gewesen, wenn du wenigstens dazu geschrieben hättest, dass der von dir ist. Rätsel am Morgen sind nicht so mein Ding.“

„Deshalb ruf ich ja an. Ist mir dann auch eingefallen.“

„Ich muss ja ehrlich zugeben, dass ich keinen Plan habe was eigentlich morgen ist.“

„Damit hab ich auch gerechnet, aber hast du das echt schon wieder vergessen?“ Man spürt förmlich die Enttäuschung durch die Leitung kriechen.

„Ähm. Sorry. Gestern war ein harter Abend und die Landung war nicht gerade sanft.“ Säusle ich durch die Leitung

„Ja ok, dann helf ich dir mal auf die Sprünge“ Erleichtert höre ich gespannt zu. „Heute Abend haben wir einen Termin, sei einfach um acht bei mir.“

„Ok und wenn du mir dann noch verräts was wir vorhaben, wär ich dir dankbar.“

„Sei einfach um acht da.“ Ich glaube ein leichtes Lächeln zu spüren.

„Ok, versprochen. Schreib’s gleich in meinen Terminplaner“

„Bis später.“

„Bis heute Abend.“

Wow, verdammter scheiß. Sowas passiert mir echt zu oft. Hoffe mal sie ist nicht zu sauer. Gleich mal den „Termin“ eintragen.

Meine Finger tapsen über das Display, öffnen die Kalender-App. Verwundert blicken meine Augen auf das heutige Datum.

Komisch, warum ist da schon ein Eintrag für heute?

Neugierig tippt mein Daumen auf den heutigen Tag.

Acht Uhr. Treffen mit Jule. Was zum… . Egal… nach gestern wundert mich gar nichts mehr…

In den Details steht noch Ihre Adresse, aber keine weiteren Details.
Etwas verwundert lege ich mein Smartphone zur Seite und besteige die Dusche.

Das warme Wasser strömt mir über das Gesicht. Rücken und Bauch werden umspült. Der Schwall aus Wasser rast meine Beine entlang und weigert sich dann im Abfluss zu verschwinden. Es windet und wirbelt sich herum, versucht das Unausweichliche zu verhindern. Ein alles verschlingender Strudel entwickelt sich. Von der Anziehungskraft seiner Nachbarn mitgerissen, begibt sich jedes noch so kleine Wassermolekül in den Abgrund. Nur wenige schaffen es sich an die Wand oder am Vorhang vorbei auf die kalten Fließen zu retten. Einige wenige jammern vor Schmerz und krallen sich am Vorhang fest. All die Schreie und einzelnen Unglücke ignorierend, greife ich nach dem Duschgel. Kälte umschließt meine Hand, als die zähe Flüssigkeit sich in sie hinein gräbt. Das Duschgel stelle ich zurück und verreibe kurz das Duschgel zwischen beiden Händen. Kleine Bläschen bilden sich und umschließen kurze Zeit später meine Haare. Ich beeile mich, und schäume mich von Kopf bis Fuß ein. Der jammernde Wasserstrahl vereinigt sich mit dem kühlen Schaum. Schenkt ihm Wärme und reißt ihn mit in den Abgrund.

Nach einer zweiten Runde drehe ich den Hahn zu. Die stummen schreie verklingen. Ich ziehe den Duschvorhang zur Seite und eisige Kälte schlägt mir entgegen. Einen kurzen Moment fühle ich mich wie nackt am Nordpol ausgesetzt. Das weiche Handtuch, welches ich sofort vom Haken reiße, wirkt wie ein unglücklicher Versuch mich vor der alles erfassenden, beisenden Kälte zu schützen. Ein flüchtiges Bild von mir in der Arktis mit Nichts als einem Handtuch um die Lenden schießt mir durch den Kopf. Eilig rubble ich meinen Körper trocken und zieh mir meinen Bademantel über.

Gott… Es ist Frühling und trotzdem ist mir Schweine kalt. Wie soll das erst im Winter werden. Wächst mir dann ein Eiszapfen zwischen den Beinen?

Von diesem Gedanken etwas irritiert und belustigt huscht mir ein Lächeln über die Mundwinkel.

Manchmal hab ich schon verquere Gedankengänge. Aber nun keine Zeit verlieren, ich muss gleich los.

Eilig ziehe ich mich neben dem Bett an und eile wieder ins Bad. Einen kurzen Moment stocke  und frage ich mich, wie ich meine Haare ohne Spiegel stylen soll. Erleichtert erinnere ich mich an einen Handspiegel, den eine Bekannte hier vergessen hatte. In den Schubladen meines Badschranks wühlend ergreife ich den Spiegel in der dritten und stelle ihn provisorisch auf meiner Ablage mit Hilfe  des Rasierschaums und Deo auf. Mit dem Fön trockne ich meine Mähne. Pomade bändigt sie und Haarspray festigt den Halt. Den Spiegle lege ich zur Seite und Sprühe mich mit dem Rasierschaum ein.

Halt, irgendwas ist komisch. Warum habe ich Rasierschaum auf meinen Socken? Oh verdammt…

Ich stelle den Rasierschaum zurück und benutze das Deo. Der Socken wird kurz abgewischt und mit dem Handtuch halbwegs trocken gerubbelt. Ich schlüpfe aus dem Bad und in meine Schuhe hinein.

So, kann losgehen. Noch die Jacke und dann ab nach Unten. Langsam krieg ich richtig Kohldampf.